Community Kodex

Kommentarspalten sind zentrale Orte der öffentlichen Meinungsbildung. Die Menschen, die dort vielfältige Diskussionen ermöglichen, brauchen unsere Rückendeckung.

Moderator*innen und Community Manager*innen leisten einen zentralen Beitrag zum Schutz der Demokratie. Sie verhindern Hassrede und Desinformation und fördern den zivilen Austausch in digitalen Diskussionsräumen.

Mit dem Community Kodex bekennen sich Organisationen dazu, Verantwortung für ihre Kommentarspalten zu übernehmen und das Community Management mit den dafür notwendigen Ressourcen auszustatten.

Der Kodex wird bereits von 36 Organisationen und 53 Individuen unterstützt.

Wer digitale Öffentlichkeiten sich selbst überlässt, trifft eine politische Entscheidung: gegen Meinungsvielfalt und zugunsten der Lautesten.

Eskalation und Rückzug: Weite Teile der Online-Kommunikation sind toxisch geworden. Die häufige Reaktion von Organisationen? Kommentare abschalten. Wegschauen. Wer digitale Öffentlichkeiten sich selbst überlässt, trifft eine politische Entscheidung: gegen Meinungsvielfalt und zugunsten der Lautesten.

Dabei sind Kommentarspalten kein Randthema. Sie sind Orte, an denen entschieden wird, wer spricht und wessen Perspektive aus dem Diskurs gedrängt wird. Das ist keine technische Frage, sondern eine demokratische.

Und es ist auch eine Frage der Menschen, die diese Räume täglich gestalten: Community Manager*innen deeskalieren Konflikte und schützen andere vor Übergriffen, oft ohne angemessene Ressourcen und institutionelle Rückendeckung. Burnout ist in dieser Berufsgruppe keine Ausnahme. Er ist das Symptom einer strukturellen Geringschätzung.

Dieser Kodex antwortet auf beides: Er benennt, was professionelle Moderation leisten muss und was Organisationen tun müssen, um die Menschen zu schützen, die sie ermöglicht.

Leitprinzipien für verantwortungsvolle Moderation

Verantwortungsvolle Moderation ist mehr als nur das Entfernen von Regelverstößen. Diese Leitprinzipien zeigen, wie gute Moderation aussieht.

Die Menschenwürde, Schutz vor Diskriminierung und ein vielstimmiger Austausch sind die Basis unserer Moderation

Unsere Moderation orientiert sich an den Grundprinzipien demokratischer Gesellschaften, insbesondere an der Wahrung der Menschenwürde, dem Schutz vor Diskriminierung, sowie der Ermöglichung eines offenen und respektvollen Diskurses.

Strafrechtlich relevante Inhalte entfernen wir unverzüglich. Darüber hinaus etablieren wir eine Hausordnung (Netiquette), die den Umgang mit Hassrede, Desinformation, persönlichen Angriffen und Grenzfällen klar definiert. Diese kommunizieren wir transparent und wenden sie konsistent sowie nachvollziehbar an.

Demokratischer Diskurs lebt jedoch auch von Widerspruch und dem Ringen um unterschiedliche Positionen. Der Kodex verpflichtet ausdrücklich nicht dazu, Diskussionen konfliktfrei zu halten, sondern diese fair und menschenwürdig zu führen.

Wir zeigen deutliche Präsenz in der Kommentarspalte und unterstützen erwünschtes Verhalten

Verantwortungsvolle Moderation ist sichtbar und gestaltet Räume aktiv mit, in denen sich Menschen in ihren unterschiedlichen Bedürfnissen und mit ihrer Vielfalt an Perspektiven wertgeschätzt und sicher fühlen.

Deshalb geht unsere Moderation über das reine Filtern, Löschen oder Sanktionieren von Regelverstößen hinaus und trägt aktiv zur Entwicklung eines respektvollen und dialogorientierten Diskurses bei. Konstruktive, respektvolle und dialogfördernde Beiträge unterstützen wir nach unseren Möglichkeiten gezielt, um die Qualität des Austauschs zu verbessern.

Wir sanktionieren menschenfeindliche Kommentare und Codes konsequent

Menschenfeindliche, diskriminierende oder entwürdigende Inhalte sanktionieren wir konsequent. Dies umfasst auch indirekte, codierte oder kontextabhängige Ausdrucksformen, die geeignet sind, Personen oder Gruppen herabzuwürdigen oder aus dem Diskurs zu verdrängen. Unsere Moderationsentscheidungen berücksichtigen dabei insbesondere die Perspektiven von Personen, die von Diskriminierung betroffen sind. Bei Bedarf überprüfen wir unsere Entscheidungen und passen sie an, um eine kontinuierliche Verbesserung der Moderationspraxis zu gewährleisten.

Wir achten auf die Außenwirkung von dem, was stehen bleibt

Die sichtbaren Inhalte in den Kommentarspalten prägen die Wahrnehmung aller Mitlesenden. Unsere Moderationsentscheidungen berücksichtigen daher auch die Wirkung auf das Publikum. Was unkommentiert stehen bleibt, kann als stillschweigende Zustimmung oder Legitimierung gewertet werden. Deshalb tolerieren wir keine Inhalte, die den Grundprinzipien dieses Kodex widersprechen. Wenn die Menge der Kommentare die Kapazitäten unseres Community Managements übersteigt, ergreifen wir andere Maßnahmen, um den Schutz der Menschenwürde zu gewährleisten. Beispielsweise, indem wir Kommentarspalten schließen oder externe Unterstützung hinzuziehen.

Leitprinzipien für den Schutz von Community Manager*innen

Wer andere schützen soll, braucht dafür geeignete Rahmenbedingungen. Diese Prinzipien erklären, welche Strukturen Organisationen bereitstellen sollten.

Das Aufgabengebiet von Social Media- und Community Management ist klar.

Community Management erkennen wir als eigenständige fachliche Disziplin an, unabhängig davon, unter welcher Bezeichnung diese Aufgabe ausgeführt wird. Das Aufgabengebiet verankern wir in der Struktur unserer Organisation und binden es in strategische sowie operative Entscheidungsprozesse ein. Die Aufgaben und Verantwortlichkeiten des Community Management werden klar definiert und verbindlich geregelt.

Community Manager*innen verfügen über klar festgelegte Entscheidungskompetenzen, die eine zeitnahe und verantwortungsvolle Moderation ermöglichen. Eine enge und verbindliche Abstimmung mit angrenzenden Bereichen, insbesondere der Content-Erstellung, stellt sicher, dass Kommunikation und Moderation aufeinander abgestimmt sind.

Das Community Management statten wir mit adäquaten Ressourcen aus.

Unser Community Management ist personell, zeitlich und technisch angemessen ausgestattet. Die Arbeitsbedingungen entsprechen den geltenden arbeitsrechtlichen Vorgaben, insbesondere im Hinblick auf Arbeitszeit, Pausenregelungen und den Schutz vor psychischer Belastung.

Maßnahmen zur Prävention und Bewältigung von Belastungen sind fester Bestandteil unserer Organisation, beispielsweise durch Schulungen, Supervision oder technische Unterstützung bei der Moderation belastender Inhalte. Der Einsatz automatisierter Systeme erfolgt dabei verantwortungsvoll und unter menschlicher Aufsicht.

Inhalte und Kommunikationsmaßnahmen werden grundsätzlich im Einklang mit den verfügbaren Ressourcen geplant. Ist dies nicht möglich oder treten unvorhergesehene Situationen ein, dann ergreifen wir geeignete Schutzmaßnahmen für das Community-Team.

Außerdem bemühen wir uns um Teams, die möglichst unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven mitbringen, weil dadurch eher auffällt, wenn Kommunikation Menschen ausschließt oder verletzt. Dadurch können wir sensibler, fairer und näher an den Erfahrungen der gesamten Community moderieren.

Qualität und Wissen sichern wir systematisch

Wir definieren für das Community Management verbindliche, dokumentierte Qualitätsstandards und überprüfen diese regelmäßig. Dabei berücksichtigen wir neben quantitativen Kennzahlen auch qualitative Kriterien der Diskursqualität. Diese Standards regeln insbesondere den Umgang mit Kommentaren sowie die Grundlagen für konsistente Moderationsentscheidungen. Wir stellen sicher, dass unsere Community Manager*innen über aktuelles Fachwissen verfügen und dieses durch kontinuierliche Qualifizierung weiterentwickeln. Erfahrungen aus der Moderationspraxis werden systematisch dokumentiert und im Team geteilt, um eine einheitliche und verlässliche Moderationspraxis zu gewährleisten.

Wir etablieren klare Meldeketten, Routinen und Entscheidungshilfen.

Sowohl für Routineaufgaben als auch für wiederkehrende und kritische Situationen legen wir klare Abläufe, Zuständigkeiten und Eskalationswege fest und dokumentieren diese.

Unsere Community Manager*innen verfügen über klare Entscheidungshilfen und festgelegte Meldeketten, die ihnen ein zeitnahes und konsistentes Handeln ermöglichen.

Außerdem stellen wir sicher, dass in kritischen Fällen Unterstützung durch Vorgesetzte oder Verantwortliche gewährleistet ist. Handelt das Community-Team im Rahmen dieser Leitlinie, erhält es die volle Rückendeckung der Organisation.

Zeigen Sie Haltung. Ihr Name zählt.

Unterzeichnen heißt: Sie erkennen Community Management als professionelle, gesellschaftlich relevante Aufgabe an und verpflichten sich, die acht Prinzipien dieses Kodex in Ihrer Organisation umzusetzen. Wo das heute noch nicht vollständig möglich ist, gilt eine Übergangsfrist von zwölf Monaten.

Je mehr Organisationen unterzeichnen, desto stärker das Signal an alle anderen. Seien Sie dabei, als eine der Ersten.

Gemeinsam ein starkes Zeichen setzen.

Diese Unternehmen und Organisationen haben den Community Kodex bereits unterzeichnet und übernehmen damit Verantwortung für ihre digitalen Räume, bessere Online-Diskussionen und gute Arbeitsbedingungen für Community Manager*innen.

Wer den Community Kodex entwickelt hat

Der Impuls kam aus der Praxis: Online-Communities moderieren heißt viel Verantwortung, wenig Anerkennung. Da die Herausforderungen in vielen Organisationen ähnlich sind, entwickelten wir Initiator*innen die Idee, branchen- und sektorenübergreifend verbindliche Standards für gelungenes Community Management und den Schutz der Moderierenden zu schaffen.

Der Community Kodex wurde von einem interdisziplinären Gremium entwickelt, das mit erfahrenen Community-Management-Expert*innen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Zivilgesellschaft und Verwaltung besetzt ist.

Ergänzend dazu hat das Gremium durch eine Umfrage die drängendsten Herausforderungen und vielversprechende Lösungsansätze von mehr als 20 Community-Management-Teams aus den unterschiedlichen Branchen eingeholt, die ebenfalls als wertvolle Perspektiven in diesen Kodex eingeflossen sind.

Initiator*innen

  • Vivian Pein
  • Oliver Saal
  • Teresa Sündermann

Gremium

  • Nadine Eckert · Digitale Kommunikation & Corporate Design · Bezirksamt Berlin Mitte
  • Social Media & Community Management · Regionale Verkehrsgesellschaft
  • Eva Horn · No-Hate-Beauftragte · rbb
  • Judith Höllmann · stellv. Projektleitung BetterPost · Neue deutsche Medienmacher*innen
  • Zoe Kraft · Community Managerin · Amadeu Antonio Stiftung
  • Jennifer Stege · Digitale Kommunikation & Social Media · Bezirksamt Berlin Mitte
  • Vivian Pein · Senior Community Managerin · Co-Host CommunityCamp
  • Oliver Saal · Referent Digitales Civic.net · Amadeu Antonio Stiftung
  • Teresa Sündermann · Projektleitung Civic.net · Amadeu Antonio Stiftung
  • Amos Wasserbach · Senior Strategy & Business Development Manager · Das NETTZ
  • Marc Ziegele · Professor of Communication Research · Heinrich Heine Universität Düsseldorf